Von gelben Westen und schwarzen Hubschraubern

Aus dem Radio stöhnt Jane Birkin in ihrer unverwechselbaren Art „Je t´aime!“ Die Bar-Dame serviert uns derweil zwei Milchkaffee mit einem Lächeln. Frühstückszeit. Die Croissants haben wir aus der Bäckerei nebenan mitgebracht. Darüber wundert sich hier niemand. Der Blick in die Zeitung. Ein Albaner soll abgeschoben werden, obwohl er mit einer Französin verheiratet ist – allgemeine Empörung. Ein verkohltes Stück Dachstuhl vom „Osterfeuer“ der Notre Dame wird zum Verkauf angeboten, in der Rubrik Kuriositäten. Macron hält morgen seine Rede an die Nation, in der er klären will, wie es mit dem Land und seinen Reformen nach den monatelangen Streiks der Gelbwesen und den daraufhin von ihm initiierten lokalen Debatten weitergehen soll.

Ich kann diese kleine Frühstücks-Szene mit nostalgischer Verklärung betrachten, auch die Inneneinrichtung dieses lokalen Treffpunkts, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Aber für die Leute hier, die jeden Euro zweimal ausgeben, ist es überlebenswichtig, dass sich ihre Zustände verbessern. Man mag die Methoden der Gelbwesten kritisieren, ihre Forderungen scheinen zumindest berechtigt. Das sieht wohl auch der Präsident so, denn am Tag darauf erklärt er in einer Rede von über einer Stunde länge, die wir uns im Radio anhören, wie er das Land voranbringen will. Steuerentlastungen für Geringverdiener, Hilfen für Alleinerziehende, Volksentscheid auf Kommunalebene, regelmäßige Parlamentsdebatten zum Thema Migration und die Abschaffung von Kaderschmieden sind nur einige Aspekte die ich mit meinem nicht ganz sattelfesten Französisch aufschnappe. Die Medien verbreiten am Tag danach das Stimmungsbarometer aus Politik und Volk. Die Opposition hat natürlich nur Kritik übrig, aber auch das Land ist weiterhin gespalten. Überzeugend fanden Macrons Rede nur etwas mehr als die Hälfte der Befragten. Und die Gelbwesten? Machen weiter!

Was denn? schon wieder weiter? Bruno findet am Reisen das Ankommen am schönsten.

Ich mag den Ausdruck „Bucket List“ nicht besonders, weil ich finde, dass man Orte nicht wie Trophäen sammeln kann. Aber natürlich habe ich auch eine Wunschliste von Plätzen, die ich gerne erlebt haben möchte, bevor ich meine Memoiren schreibe. Einer dieser Orte ist der Canyon du Verdon mit dem angrenzenden Lac Sainte Croix. Dort hin sind wir unterwegs. Das „Adlernest“ über dem See, das uns Ute als Campingplatz empfohlen hat, liegt malerisch an den Hang gewoben, hoch über dem See. Leider öffnet es erst in ein paar Tagen. Bruno findet das gar nicht so tragisch, denn er wollte ohnehin lieber im See herumspringen und Vögel fangen. Also schlafen wir zwischen den Pinien.

Vom Verdon hatte ich eine total falsche Vorstellung. Geprägt von Fish River Canyon in Namibia und Grand Canyon in USA habe ich mir die Landschaft karg und den Canyon dunkel vorgestellt. So bin ich einigermaßen überrascht, wie freundlich und hell die Landschaft hier ist. Und so abwechslungsreich! Je nachdem aus welcher Richtung man sich dem Verdon nähert, sieht er völlig anders aus. Wir bestaunen steile Felswände an denen sich Kletterer versuchen, flachere Passagen an denen das Wasser grünblau glänzen über Steine springt und kilometerlange Furchen durch fruchtbares Land mit Olivenhainen und Orangenbäumen.

Canyon du Verdon – Am Point Sublime

Ich kann mich daran gar nicht satt sehen. Und bekomme prompt auch ausreichend Gelegenheit, denn der Landy, der mal eine Ambulanz war (näheres zum Fahrzeug könnt ihr übrigens hier nachlesen), macht seinem Namen gleich alle Ehre. Kaum drei Tage unterwegs hat Heike eine fette Erkältung und Bruno den ersten Durchfall. Weil Peter keine Lust auf „Lazarett Ausfahrten“ hat, machen wir am Verdon Pause. Wir haben ein Camp entdeckt, das durch seine Lage direkt am Canyon besticht und durch seine Einfachheit. Die Betreiberin hat eine künstlerische Ader und bemalt alles was Fläche bietet, zur Not auch über Wasserleitungen hinweg.

Badezimmerkunst

Bunt und gemütlich haben wir es am Verdon.

Wir machen eine leichte Wanderung, bei der wir den Canyon aus seinem Inneren bestaunen können. Am Einstieg des Wanderwegs steht ein Schild, das darauf verweist, was mitzuführen ist: Gutes Schuhwerk, ausreichend Wasser und eine Plastiktüte um Müll einzusammeln. Daran haben sich die Vorauslaufenden offenbar gehalten, denn die Natur ist extrem sauber. Das ändert sich erst, als wir an einem Privatgrundstück vorbeikommen, das mit Schrott aller Art übersäht ist. Bei größeren Mengen Müll, stand auf dem Schild, soll man die GPS Koordinaten durchgeben. Das ist in diesem Fall aber wohl eher nutzlos.

Wandern im Canyon du Verdon

Die entgegenkommenden Wanderer sind sehr freundlich und begrüßen Bruno zuerst, da er immer vorausrennt: „Bonjour le Chien!“ (Guten Tag der Hund). Auf dem Rückweg laufen wir die Straße entlang und werden von einem Wagen angehalten, der mit Touristen aus dem nahen Osten voll besetzt ist. Die Unterhaltung die sich entfaltet lässt uns ratlos zurück.

Er: Wo ist der Canyon du Verdon?

Ich – zeige verdattert auf den Felsspalt direkt neben uns.

Er: Geht das immer so weiter?

Ich: Ja….

Er: Und wann kommt der nächste Ort?

Ich: In drei Kilometern.

Weg sind sie. Die hatten sich den Canyon du Verdon wohl anders vorgestellt.

 

Kleiner Auszug aus dem Reisealltag:

Wir sind jetzt schon über 900 Kilometer gefahren und haben noch nicht getankt. Könnte man glatt vergessen, wenn man mit einem 125 Liter Diesel-Tank unterwegs ist. Die Tankrechnung in Frankreich ist dann allerdings etwas schmerzhaft. Apropos Rechnung: Wir sind bisher deutlich über Tages-Budget unterwegs. Mal sehen, ob sich das nach hinten raus ausgleicht. 

Im Camp am Verdon befüllen wir auch zum ersten Mal unseren 220 Liter Wassertank. Klappt echt gut. Selbst mit Vorfilter ist die Sache in etwa 20 Minuten geritzt. Danach hängen wir die Schläuche im Baum zum Trocknen auf. Einer davon bleibt dann fast als Opfer für die Geister des Verdon zurück.

Peter weiß worauf er sich einlässt, als er mir den Wunsch erfüllt an die Cote d´Azur zu fahren. Wilde Überholmanöver von Motorradfahrern auf der Küstenstraße und Staus in den Innenstädten. Aber weil Madame ja unbedingt einmal Cannes gesehen haben will, nimmt er es auf sich. Die Stadt ist in Vorbereitung auf die Filmfestspiele. Plakate mit Schauspielern in Großaufnahme sind dahingehend eindeutig. Die Hotels und Einkaufsmeilen der Edelmarken erinnern mich dann eher wieder an Baden-Baden, nur dass hier alles ein bisschen größer ist und durch Polizisten geschützt. Die Yachten der Reichen und Schönen sind gigantisch groß und so geparkt, dass man den Menschen beim reich und schön sein zusehen kann. Ich würde ja lieber das Meer sehen wollen, aber ich kann da ja auch kaum mitreden.

Rote Steinfelsen sind für Esterelle an der französischen Riviera charakteristisch.

Unsere letzte Station in Frankreich soll die Stadt Menton sein, die Partnerstadt von Baden-Baden. Sie liegt allerdings hinter Monaco, was eigentlich kein Problem ist, wenn man auf der Schnellstraße bleibt. Leider ist diese heute gesperrt und so bekommen wir dann auch noch gratis die volle Packung super reich und super eng. Monaco kann ja nun mal nicht in die Breite wachsen, also wächst es einfach in die Höhe und die Tiefe. Es steht hier Wolkenkratzer an Wolkenkratzer, einer höher und gläserner als der nächste. Und weil man für all diese Menschen und ihre Autos Straßen und Parkplätze braucht, schraubt sich die Straße kurzerhand in die Tiefe, wobei Parkhäuser abzweigen. So wendelt sich das immer in die gleiche Richtung, bis wir einen Drehwurm bekommen. Gerade als ich denke, dass wir jetzt eigentlich am Erdmittelpunkt angekommen sein müssten, spuckt uns das Monster wieder aus. Leider haben wir keine Ahnung wo wir sind. Da stehen aber jede Menge schwarze Hubschrauber mit verspiegelten Scheiben. Ein Motorradfahrer bewegt sich langsam in unsere Richtung. Wir fragen ihn nach dem Weg und er sagt einfach „Lasst uns losfahren!“ Wir folgen ihm durch das Gewirr der Straßen, von denen mir manche Stellen aus der Formel 1 bekannt vorkommen. Wir passieren edle Läden und schöne Menschen in teuren Kleidern. Und dann sind wir plötzlich draußen, zurück in Frankreich.

Menton hat übrigens gar nichts von Baden-Baden. Es ist die „Zitronenstadt“ und hat einen wunderschönen exotischen Garten, an dessen Düften und Farben wir uns berauschen, bevor wir „Adieu“ sagen und uns in Richtung Bella Italia aufmachen.

Die Villa des exotischen Gartens in Menton

Noch Lust auf Bilder zu Frankreich? Dann schau doch mal hier in der Bildergalerie nach.

3 Comments
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3 Comments

  1. Ulrike says:

    Fremde Länder und Kontinente bereisen macht Spaß. Aber ich stelle immer wieder fest: Europa braucht sich nicht zu verstecken, außer dass der Westen überbevölkert ist.
    Weiterhin Gute Reise!
    Ulrike

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