Der lange Weg nach Hause

Wir sind – fröhlich und ein bisschen aufgeregt – vor knapp einem Jahr mit vielen Hoffnungen und Erwartungen aufgebrochen: Auf atemberaubende Landschaften, Einblicke in fremde Kulturen, bereichernde Begegnungen mit herzlichen Menschen und mit der Vorfreude auf Zeit zu zweit, in der wir gemeinsam herausfordernde Off-Road-Strecken meistern, am Lagerfeuer sitzen und unter der Sonne im Meer baden.

All das hat sich erfüllt und wir kehren zurück mit hunderten von Tagebuchseiten und Gigabite an Datenmaterial, aber wichtiger noch, mit Bildern im Kopf und positiven Erlebnissen, die sich auf ewig in unsere Seelen brennen. Wir haben unterwegs viele wundervolle und inspirierende Menschen kennengelernt, Einheimische ebenso wie andere Reisende. Wir sind ungefragt auch mit Einblicken beschenkt worden, die nicht so leicht zu verdauen sind, die Situation von streunenden Hunden zum Beispiel, den Umgang anderer Nationen mit Müll oder auch haarsträubende Verkehrsszenen. Wir haben Erfahrungen gemacht die wir nicht gebraucht hätten, wie vom Hund gebissen oder bestohlen zu werden. Aber der Mix von alledem gehört zum Langzeitreisen und erweitert unseren Horizont.

Jetzt steht der Landy wieder im Innenhof unserer „Post“ und fühlt sich deplatziert. Er quittiert es uns mit Startproblemen. Die Wohnung kommt uns unglaublich groß und sehr vollgestopft vor. Es regnet tagelang. Das hatten wir uns anders vorgestellt. Bruno versteht überhaupt nichts mehr. Warum sind wir so lange unterwegs gewesen, wenn wir genau da wieder anzukommen, wo wir losgefahren sind? Die läufige Hündin in der Nachbarschaft sorgt dafür, dass er den Blues schnell überwindet.

Wir kehren genau zu der Zeit zurück, als die Corona-Pandemie voll über Zentraleuropa hinweg schwappt. Besorgte Freunde und Bekannte hatten sich in den letzten Tagen häufiger erkundigt, wie es uns in Italien ergeht. Wir waren nahezu ahnungslos. Hätten wir das Ausmaß der Einschränkungen vorhergesehen, wären wir vielleicht irgendwo im Nirgendwo abgebogen ;o)

Corona – nein danke!

Die Fähre aus Igoumenitsa in Griechenland setzt uns an der Ostflanke des italienischen Stiefels in Bari ab. Wir wissen nicht was im Norden des Landes in Sachen Coronavirus bereits los ist, hören es aber später von Freunden, die nichts ahnend genau ins Epizentrum gefahren sind und sich über ein leeres Venedig gewundert haben.

Diese britische Lady treffen wir in Igoumenitsa. Sie ist das gleiche Modell wie unser Landy. Die Ambulanz im Originalzustand.

Unsere Pläne sind sowieso andere: Wir haben Spaß gefunden am Inselhüpfen und wollen dies noch eine Weile fortsetzen. Der Plan ist, nördlich von Rom nach Sardinien überzusetzen, von dort nach Korsika und schließlich mit einer letzten Fähre das südfranzösische Festland zu erreichen, wo sich für uns der Kreis der Autowanderer-Tour schließen wird.

Wir durchqueren den Stiefel in einem Tag und schaffen es bis zu einem langen Strand mit pechschwarzem Sand nördlich von Rom, in einem Rutsch. Am Morgen stehen hier die Angler aufgereiht wie Perlen einer Kette und halten ihre Ruten vom Strand aus ins Wasser. Was die Szene so interessant macht ist, dass die Kollegen zu Wasser in ihren Booten genau das gleiche Bild abgeben. Sie schaukeln auf den Wellen in Reih und Glied in exakt gleichen Abständen. Während wir dieses Bild genießen lernen wir Herrmann kennen, einen italienischen Violinisten, der unbedingt auch eine längere Reise machen will und uns mit Fragen löchert. Wir geben unsere Erfahrungen gerne weiter und helfen mit Ratschlägen wo es geht. Seine Frau scheint allerdings nicht so begeistert und beobachtet unsere Unterhaltung eher argwöhnisch. Schade, wenn der eine zur Traumbremse des anderen wird. Glücklicherweise haben wir dieses Problem nicht.

Anglerparadies nördlich von Rom

Den Fährhafen in Civitavecchia nennen sie das Tor zur „Meeresautobahn“. Nach Stau sieht es hier aber nicht aus. Wir sind weit und breit das einzige Fahrzeug. Überhaupt ist der Hafen wie ausgestorben. Peter findet allerdings einen Hafenarbeiter der sich sicher ist, dass heute Abend eine Fähre in Richtung Olbia auf Sardinien ablegt. Und tatsächlich, als der Schalter von Corsica Ferries um 17 Uhr öffnet, bekomme ich ein Ticket noch für den gleichen Abend. Wir haben uns für Nachtfahrten inzwischen angewöhnt eine Kabine zu buchen. Das ist am wenigsten Stress für uns alle. Auf den Ballsaal der uns heute erwartet sind wir allerdings nicht vorbereitet: Ein großes Zimmer mit riesigem rundem Bullauge in dem Peter gleich verschwindet, um die Aussicht auf den Hafen zu genießen. Bruno hingegen ist sehr irritiert, denn der Raum ist total verspiegelt, nicht nur an der Wand, sondern auch an der Decke. Unser Doodle ist clever. Er versteht, dass er in diesen Spiegeln sich und uns sieht. Aber dass wir plötzlich so viele sind überfordert ihn dann doch.

So feudal sind wir noch nie übergesetzt.

Er ist am Morgen ein Wunder an Selbstbeherrschung und hält das Geschäft ein, bis wir von der Fähre gerollt an einem Grünstreifen anhalten können. Manche seiner Kollegen sind da gnadenloser. Mitten im Flur des Fährschiffes hinsetzen und Ostereier ablegen, die Herrchen dann einsammeln muss.

Sonnenaufgang auf der Fähre nach Italien

In Olbia navigiere ich uns zielsicher in den ersten Berufsverkehr. Stau. Kaffeepause!
Wir sind auf Sardinien nun schon zum dritten Mal und wollen uns den Norden der Insel anschauen, den wir zusammen noch nicht besucht haben. Gerade als wir am Strand von Palau einlaufen setzt der Sturm ein. Na diese Fährüberfahrt war perfektes Timing! Bruno kann diesen Feind, den er nicht sehen kann, nicht leiden. Wind der ihm die Ohren vom Kopf weht und Luft am Hinterteil einbläst. Im Auto schüttelt er sich und beschert uns so einen Sandregen.

No Ship

Die Sarden schützen sich und ihre Insel indem sie sehr restriktiv mit den Regelungen für das Übernachten umgehen. Verbotsschilder zeigen an, wann und wo Wohnmobile erwünscht sind und Feuer machen ist grundsätzlich schwierig. Bisher war unsere Erfahrung, dass es im Winter lockerer gesehen wird. Polizisten schauen dann einfach in die andere Richtung und in der Macchia bleiben wir sowieso unentdeckt. Im Norden der Insel scheint das allerdings anders zu sein. Hier werden Verbote durch Absperrungen erzwungen. Die Hinweisschilder verraten auch gleich den Preis bei Zuwiderhandlung und der ist so gepfeffert, dass wir uns daran halten. DieAuswahl an schönen Übernachtungsplätzen ist dadurch massiv eingeschränkt.

Traumstrände in Sardiniens Norden

Verschwunden in der Macchia auf Sardinien

Immer noch reizvoll sind die Limbara Berge: Kahle Felsen lugen zwischen Mischwald hervor. In den Höhen dominieren die Kräuter und Sträucher der Macchia. Diesen eigentümlichen Geruch erkennen wir sofort wieder. Er ist speziell für die Insel. Wir finden einen Stellplatz auf einer Wiese neben stillgelegten Bahngleisen. Peter findet, das Gleisbett könnte man eigentlich toll als Radstrecke ausbauen. Hier sagen sich Hasen und Jagdhunde buchstäblich gute Nacht. Wir müssen aufpassen, dass mit Bruno nicht das Jagdfieber durchgeht. An diesem Abend erleben wir einen unserer spektakulärsten Sonnenuntergänge mit knallrot gefärbten Wolken. Wechselhaftes Wetter hat auch seine Vorzüge.

Dramatischer Sonnenuntergang am Rande der Limbara-Berge auf Sardinien.

Zum Highlight unseres kurzen aber feinen Nordsardinien-Besuchs wir das Örtchen Castelsardo. Schon von weitem sehen wir die Stadt auf einem Berg der geformt ist wie ein Spitzkegel. Die Häuser schmiegen sich in engen Reihen an die Bergflanke. Das sieht auch deshalb so schön aus, weil jedes Haus eine andere Farbe hat.

Obenauf thront eine massive Burg, leicht darunter steigt ein schmaler Glockenturm empor. Wir erkunden das Städtchen zu Fuß und bestaunen im Burgmuseum allerhand historische Funde. Sogar Bruno darf rein. Wir versuchen ihn uns in der Ritterrüstung vorzustellen, denn die Person die da mal hineingepasst hat war nicht sehr viel größer. Am Hafen haben es sich die Alten auf der Mauer des Wellenbrechers gemütlich gemacht. Sie wandern mit den Strahlen der Abendsonne, zischen ein Bierchen und unterhalten sich angeregt. Wir gesellen uns eine Weile dazu und beschließen kurzerhand hier zu übernachten. Der Spitzkegel funkelt nachts von dutzenden kleinen Lichtpunkten.

Franziskus wacht über Castelsardo

Wir übernachten am Hafen von Castelsardo

Santa Teresa Gallura ist eine kleine Hafenstadt ganz im Norden von Sardinien, die über kurze Distanz die Insel mit Korsika verbindet. Die korsische Hafenstadt Bonifacio kann man von hier aus sogar sehen. Für uns werden die wenigen Kilometer allerdings zum Problem, denn im Winterhalbjahr verkehrt nur ein Schiff einer einzigen Fährgesellschaft zwischen den beiden Häfen. Als wir am Fahrkartenschalter anfragen werden wir mit der knappen Aussage „no ship – keine Fähre“ abgefertigt. Das Personal hier ist sehr wortkarg. Offenbar ist die Fähre nicht funktionstüchtig und niemand scheint genau zu wissen, wann das Problem behoben ist. „Vielleicht Montag.“ Na das klingt ja verheißungsvoll. Und von wo aus gibt es noch Fähren nach Korsika? Unser Gegenüber hat keine Ahnung. Stößt hier unsere spontane Reiseplanung an ihre Grenzen? Müssen wir auf das italienische Festland zurück? Erst einmal geben wir uns noch nicht geschlagen. Peter befragt den Hafenmeister, der uns nach Olbia zurückschickt. Die Dame am Schalter dort hat die gleiche Platte drauf wie der Kollege in Gallura. „No ship!“
Keine weiteren Auskünfte. Hier würde ich gerne einmal eine Schulung in kundenfreundlicher Kommunikation anbieten.

Santa Teresa Gallura – Wir können die korsische Küste sehen, aber wir kommen nicht hin. No ship!

Ich versuche es über die deutsche Hotline der Fährgesellschaft Moby. Hier erfahren wir zumindest, dass die Fähre im Sturm auf einen Felsen aufgelaufen ist. Die sehr freundliche Dame verweist mich auf die Konkurrenz. Dort versuche ich es mit einer Facebook-Nachricht und erfahre, dass in drei Tagen eine Fähre von Porto Torres nach Ajaccio auf Korsika ablegt. Vielen Dank an die PR-Kollegen vom Social Media Team bei Corsica Ferries!

No ship! Die Fähre die uns in 50 Minuten von Sardinien nach Korsika gebracht hätte fährt auf absehbare Zeit nicht.

Als wir am besagten Datum in Porto Torres ankommen ist die Fähre schon weithin sichtbar da sie alle Gebäude überragt. Ein wahrhaft surrealer Anblick. Wir haben noch Zeit, so dass ich erstmals in den Genuss einer sardischen Pizza komme, mit Wildschweinwurst und Austernpilzen. Sehr fein! Während wir auf das Boarding warten kommen wir mit einem reisenden Holländer mit Hund ins Gespräch. Er ist DJ und verdient sich auch unterwegs mit Musik etwas dazu. Anstelle des Campingkochers thront bei ihm ein flotter Plattenspieler in der Küchenzeile. Um uns herum werden derweil die LKW verladen. Riesige Lastzüge mit Baumaterialien verschwinden im Bauch der Fähre als wären es Spielzeugautos. Warum Korsika wohl Baumaterial aus Sardinien importieren muss? Da die Fahrt nur 4 Stunden dauert machen wir es uns diesmal auf einer Decke im Freien gemütlich und kuscheln uns eng aneinander, damit keiner frieren muss. Drinnen singt in der Lounge derweil ein Alleinunterhalter schmalzige Songs. Die Tische im Restaurant sind mit weißen Tischdecken eingedeckt aber niemand nimmt das Angebot in Anspruch. Um 21 Uhr laufen wir im Hafen von Ajacco ein. Die Lichter der Nacht spiegeln sich auf der Wasseroberfläche. Peter steuert den Landy aus der Stadt heraus und in einen kleinen Weiler, wo wir unauffällig auf den Parkplatz der Grundschule einbiegen. Bevor die Lehrer am Morgen ihren Parkplatz vermissen könnten, sind wir schon wieder weg.

Warten auf die Fähre nach Korsika

Neben den LKW sieht unser Landy ganz klein aus. Und selbst die LKW erscheinen in dieser Fähre winzig.

Korsika – Insel der Schönheit – Gebirge im Meer

Nach dem ersten Cappuccino in der Auberge auf dem Col de George bin ich erstmals in der Lage meine Umgebung wahrzunehmen. Die Häuser sehen ganz anders aus als auf Sardinien, nicht so farbenfroh, aber dafür robust, aus grauem Stein. Der Tabak-Laden von Ulmeto ist aus der Zeit gefallen. Hier bauen ältere Männer gerade an historischen Schiffsmodellen aus Holz, nach riesigen Bauplänen. Die Titanic steht angefangen auf einem Tisch. Alle Waren des Ladens sind mit einer feinen Schicht Staub und Sägemehl bedeckt. Wir kaufen ein Duzend Eier (!) und ziehen uns leise zurück.

Im kleinen Ort Ulmeto auf Korsika ist die Zeit stehen geblieben.

Peter hat sich vorgenommen mir die schönsten Flecken „seiner“ Insel zu zeigen. Allerdings haben sich in den Jahren seiner Abwesenheit die Dinge auf Korsika verändert. So wird es nichts mit Hühnchen bei Chez Antoine, weil Antoine weg ist und mit ihm die Hühner. Aber der Strand von Tizzano ist etwas besonderes, mit seinen kugelrunden Steinen und dem Muschelkalksand. Hier stehen kleine Bäume die von ihrem Ringen mit dem Wind ganz bizarr geformte Kronen tragen. Leider dürfen wir nicht übernachten. Die Korsen sind was das betrifft noch viel strikter als die Sarden.

Der Strand von Tizzano

Selbst das Parken wird zur Herausforderung. In Bonifacio, dem südlichsten Punkt der Insel – an dem wir eigentlich angelandet wären – haben die meisten Parkplätze eine Höhenbeschränkung auf 2 Meter. Der Ort wirkt um diese Jahreszeit wie ausgestorben. Am Naturhafen ragen gelbe, steile Steinwände empor. Die Masten der hier überwinternden Boote klappern im Wind. Oben an der alten Festung von der wir über die Steilhänge auf das offene Meer schauen können, fegt uns der Wind die Haare vom Kopf. In der Festung sind alle Läden geschlossen, die einzigen Menschen die uns begegnen sind Handwerker, vor der neuen Saison werden Geschäfte und die Straße aufgehübscht.

Die Südküste Korsikas bei Bonifacio

Die Altstadt von Bonifacio, Korsika

Peter hatte mich vorgewarnt: „Korsika ist eine einzige Kurve.“ Das stimmt, Bruno und ich wimmern um die Wette, weil unser Wägele hin und her schwankt und wir das beide nicht so gut vertragen. Aber wir halten tapfer durch. Heute geht es noch hinauf zum Bavella-Paß. Die Aiguilles de Bavella sind eine Bergkette die aussieht wie eine Zahnreihe. Am späten Nachmittag ziehen hier Wolken auf und tauchen die Szene in dramatisches Licht. Ich bete zur hier aufgestellten Madonna, dass der Bauernhof in Sartene geöffnet sein möge, da es bereits dunkel sein wird, wenn wir dort ankommen.

Die Mutter Gottes wacht über den Bavella Paß

Was uns hier erwartet ist ein korsisches Volkstheaterstück. Der Hausherr sitzt mit seinen Angestellten um einen großen Holztisch in einer Stube deren zentrales Element ein Stückholz-Ofen ist. Von der Decke baumeln Trockenwürste. Ich frage höflich, ob wir hier übernachten dürfen. „Kein Problem!“, so der stämmige Patron mit gerötetem Gesicht und sehr großen Händen, „aber schick mir mal deinen Mann. Den will ich kennenlernen!“ Peter lacht, Korsen eben! Wir werden eingeladen am Tisch Platz zu nehmen. Eine leere Champagner-Flasche zeugt davon, dass die Party hier schon länger im Gange ist. Der Patron ist inzwischen zu Pastisse übergegangen, aus einer kleinen Flute genossen, die niemals leer wird. Dafür sorgt der Angestellte der neben ihm sitzt, vor sich aufgereiht drei Patronenhülsen. Auf großen Tellern ist Trockenwurst angerichtet. Vor dem Patron liegt ein halb verkohltes Stück Baguette, dessen Krümel sich weit über seinen Sitzplatz hinaus verteilen und an dem er sich den ganzen Abend festhalten wird. Zwischen den Krümeln ruht ein sehr gereifter Hartkäse. Dann und wann schießt die Pranke des Familienoberhaupts – mit einem Messer bewaffnet – in die Höhe, saust wie ein Fallbeil hernieder und löst so ein großes Stück vom Käse das unter allen Teilnehmern der Runde verteilt wird. Wir werden mit Weißwein versorgt und immer wieder ermuntert von den Leckereien zu kosten. Als ich schon denke wir könnten uns höflich zurückziehen geht es erst richtig los: Der Patron verschwindet kurz in der Küche und kehrt mit drei riesigen Kasserollen voller Kalbfleisch, Kartoffeln und Tomaten zurück. Er erklärt uns, dass er bereits 25 Jahre im Geschäft ist. Sie bauen Gemüse an, machen Wurst und Käse selbst, halten Schafe, Ziegen, Hühner, Kühe und Schweine. Heute haben sie einen Hektar Land mit korsischen Weißweinreben bestückt, zum ersten Mal in der Firmengeschichte. Das muss natürlich gefeiert werden. Er meint, sie lebten gut, weil sie wüssten wie man gute Produkte macht, alles Bio versteht sich! Aber er hat auch Sorgen, denn die Jungen wollen den Betrieb nicht übernehmen. Wir lernen Tochter und Sohn kennen. Die Tochter ist eine Schauspielerin, sie isst mit 10 Fingern und wickelt dabei die männlichen Angestellten um den Finger. Der Sohn macht mit Videos von seinem Mobiltelefon auf sich aufmerksam. Wir haben den Eindruck, dass die Rollen hier seit langem einstudiert sind und alle darauf bedacht sind das Oberhaupt nicht zu erzürnen. Der steht irgendwann im Gespräch auf und konstatiert, dass er jetzt müde sei. Schwankend fummelt er nach seinen Autoschlüsseln. Das ist auch das Signal für alle anderen zum Aufbruch. Wir haben es glücklicherweise nicht sehr weit bis zum Plätzchen auf der Wiese zwischen Olivenbäumen. Die Nacht ist sternenklar.

Am anderen Morgen sind die Herren schon wieder im Weinberg zugange als wir uns verabschieden. Niemand will hier von uns Geld sehen oder irgendetwas verkaufen. Wir waren als Gäste einfach herzliche willkommen!

Das erste Kastanienbier auf Korsika: Ein Pietra muss es sein!

Jetzt geht es weiter nach Porto, das wir nur über eine serpentinenreiche, einspurige Straße erreichen können. Diese führt, in schwindelnder Höhe, durch Felsvorsprünge hindurch und an knallroten Felsen entlang. Nach der letzten Kurve können wir unten bereits den Hafen von Porto sehen. Dort übernachten wir „unauffällig“ zwischen den geparkten Booten direkt am Strand. Das Farbspektakel setzt sich Richtung Norden weiter fort bis Galeria, wo das Meers und das Delta des Fango-Flusses aufeinandertreffen. Die Süßwasser-Ebene wird von kreischenden Möwen überflogen, im Hintergrund erheben sich schneebedeckte Berge. Wenn das so weitergeht mache ich auf Korsika ebenso viele Fotos wie in den 10 Monaten davor.

Porto auf Korsika

Peter zeigt mir auf Korsika seine Lieblingsstücke.

Wir beschließen dem Tal des Fango-Flusses zu folgen. Das Wasser ist glasklar und von leicht grünlicher Farbe. Der Untergrund ist felsig und auch am Ufer liegen mal größere mal kleinere Steine. Da sie alle rosa bis violett gefärbt sind nennt Peter sie kurzerhand „Frauensteine“. An einer Picknickstelle beschließen wir Hinweise auf 135 Euro Buße bei Übernachtung zu ignorieren und schlagen unser Lager auf. Ein wahrhaft magischer Ort. Wir können von hier aus den Canyon ein gutes Stück bis zu den schneebedeckten Bergen einsehen. Hier stehen uralte Bäume. Der Fluss plätschert. Die Sonne zeichnet bunte Kreise auf die Wasseroberfläche. Ich kann auf weichen, riesigen, kreisrunden Felsen sitzen und meditieren. Währenddessen gehen Peter und Bruno auf die Jagd. Sie bringen eine ganze Reihe verschiedenster Knochen mit.

Bruno genießt das bunte Treiben am Fangofluss

Morgenmeditation

Auf der weiteren Route sehen wir immer wieder lange Bremsspuren und Beschädigungen an den Begrenzungssteinen die zum Meer hin die Straße absichern. Überbleibsel der Korsika-Rally. Wir können nur hoffen, dass sich hier niemand ernsthaft verletzt hat. An einem sehr ruhigen Straßenabschnitt machen wir Halt, denn es ist höchste Zeit für eine warme Dusche. Gut riechend und mit frischen Sachen bekleidet setzen wir kurz darauf die Reise fort und sind entsetzt, weil wir jetzt verstehen, warum hier so wenig Verkehr herrscht. Schilder warnen vor Lebensgefahr. Das Militär hat hier einen Schießstand, direkt am Meer. Was machen die denn, wenn sie das Ziel verfehlen? Korsen sind echt ein besonderes Volk!

Unser letzter Besuch gilt der Desert des Agreates, einem Küstenabschnitt der noch weitgehend unberührt ist. So gestaltet sich auch die Anfahrt, denn die Piste ist extrem ausgewaschen. Da Landy inzwischen einige Krankheiten mit sich herumträgt, beschließen wir ihm die 13 Kilometer von der Teerstraße bis zum Meer (Fahrzeit 2 bis 3 Stunden!) nicht zuzumuten. Wir finden einen tollen Platz zum Übernachten und nach einer kleinen Stärkung packen wir die Rucksäcke und gehen die knapp 9 Kilometer bis zum Wasser zu Fuß. Da haben wir uns ganz schön was vorgenommen. Unsere letzte Wanderung ist eine ganze Weile her und hier geht es nur bergab. Das letzte Stück führt durch Eukalyptus und Pinienwald. Als wir am Strand ankommen steht die Sonne schon sehr tief. So bekomme ich nur einen kleinen Eindruck dieses Paradieses bevor ich im Eiltempo vor der hereinbrechenden Dunkelheit den Berg wieder hinaufgescheucht werde.

Wanderung in der Desert des Agreates

Desert des Agreates mit Blick auf die Gletscher im Landesinneren von Korsika.

Am folgenden Morgen komme ich erst spät aus dem Bett. Meine Herren sitzen draußen. Einer tränkt seinen geschundenen Zeh in Raki der andere lässt seinen Blick über die Ländereien schweifen. Das korsische Gebirge im Meer zeigt sich noch einmal von seiner schönsten Seite. Die Sonne strahlt von einem wolkenlosen Himmel und die Gletscher der Berge funkeln im Licht. Es ist so still hier oben, dass wir sogar das Summen der Bienen und Hummeln deutlich hören können. Die Sträucher um uns herum verströmen den herben Duft der korsischen Macchia. Die Insel macht uns den Abschied nicht leicht, aber wir haben wieder einmal einen Blick auf die Seewetterkarten geworfen. Wenn wir heute nicht nach Südfrankreich übersetzen kommt eine Schlechtwetterfront und dann hängen wir auf unbestimmte Zeit fest. In Saint Florent am Hafen nehmen wir noch ein typisches französisches Gericht zu uns, Hacksteak aus Pferdefleisch mit Spiegelei, Feldsalat und Frites, dazu Kastanienbier. Der einzige Punkt auf der „will haben“-Liste für Korsika, der sich diesmal nicht erfüllt, ist das Kastanien-Eis. Aber wir kommen ja ganz bestimmt wieder…

Gesund und sehr lecker, Frittata nach Art des rollenden Hauses.

Mit Passion durch die Provence

Wer uns kennt weiß, dass wir in Südfrankreich gerne auf Weingütern übernachten, die dies im Rahmen des Systems „France Passion“ anbieten. So bleibt natürlich nicht aus, dass wir den einen oder anderen Tropfen probieren. Und so füllt sich der ohnehin knapp bemessene Stauraum im Landy jetzt sehr rasch mit Kisten von flüssigem Gold. In den ersten Tagen machen wir dabei kaum Boden gut, pendeln von einem Hof zum nächsten und staunen über die Vielfältigkeit der hier angebauten Weine und die sehr unterschiedlichen Charaktere der Winzer. Da sich das Wetter zusehends verschlechtert, harren wir an schönen Orten mehrere Nächte aus. So kommt es, dass wir an einem denkwürdigen Tag am Canal de Provence entlanglaufen und uns darüber austauschen wie gefährlich es für Bruno wäre wenn er hier hineinfiele. Die Oberfläche des Kanals ist so beschaffen, dass Tiere abrutschen und gar nicht mehr aussteigen können. Kaum haben wir diesen Gedanken beendet, sehen wir in einiger Entfernung einen Kopf mit Geweih wie einen Korken auf der Wasseroberfläche des Kanals auf und ab schwingen. Ein Rehbock! Das arme Tier versucht vergebens auszusteigen und scheint bereits am Ende seiner Kräfte. Uns gelingt es nicht ihn herauszuziehen, denn das Tier flüchtet vor uns und Bruno bei jedem Versuch der Annäherung in heller Panik an das andere Ufer. In unserer Verzweiflung verständigen wir den Notruf. Allerdings fällt es uns schwer, trotz englischem Simultandolmetscher, genau zu erklären wo wir sind. Kurz vor Rians dann endlich eine seichtere Stelle. Noch bevor wir überhaupt reagieren können, sehen wir zwei junge Männer auf das Tier zusteuern. Einer stellt sich beherzt ins Wasser, packt den Bock und trägt ihn auf die angrenzende Wiese. Das arme Tier zittert am ganzen Leib. Ich erkläre, dass ich die Feuerwehr gerufen habe. Die zwei schauen mich an als wäre ich nicht ganz bei Sinnen. „Wenn die hier auftauchen erschießen sie den Bock und essen ihn auf!“ Ich schaue betreten zu Boden. Der junge Mann weiß jetzt, dass er zur Rettung nur noch wenig Zeit hat. Er legt seinen Mantel über das Tier, holt sein geparktes Auto und packt den verdutzen Bock in seinen Kofferraum. Das letzte Bild, das sich uns auf ewig ins Gedächtnis einbrennt, ist der kleine Kopf des Rehs durch die Heckscheibe des PKW. Ich kann nur hoffen, dass die Beiden ihr Versprechen wahr machen und dem Tier helfen wieder zu Kräften zu kommen.

Ein Rehbock wie dieser war in den Canal de Provence gefallen. Glücklicherweise konnte er gerettet werden.

Die Kapazitäten des Land Rovers sind erschöpft und wir interpretieren den Dauerregen als Zeichen, dass es Zeit wird nach Hause zurückzukehren. Es ist ein seltsames Gefühl, als wir nach mehr als 10 Monaten und über 25.000 Kilometern wieder auf der A5 in Richtung Baden-Baden unterwegs sind. Wir sind gespannt was uns zu Hause erwartet. Dass wir in eine andere Form des Ausnahmezustands eintreten, ahnen wir natürlich nicht.

Weingut in der Provence – Oase der Ruhe – France Passion macht´s möglich.

Alte Brücke nahe Toulon

Bruno findet, es ist Zeit nach Hause zurückzukehren.

Was bleibt?

Was auf lange Sicht vielleicht am meisten von Wert sein wird ist die Zeit die wir miteinander verbracht haben, die Ruhe die wir uns gegönnt haben, um über uns und die Zukunft nachzudenken. Wir haben sehr viel Inspirierendes gelesen, miteinander diskutiert und – ja – auch gestritten. Aber es hat dazu geführt, dass eine echte Auseinandersetzung stattgefunden hat darüber, wie wir uns die Zukunft vorstellen, was noch zu unserem Leben passt und was nicht mehr.

Wir kehren mit ganz viel Elan und Ideen im Kopf (Peter) bzw. seitenweise to-do Listen und Skizzen (Heike) nach Hause zurück. Den Schwung haben wir bereits in den ersten Tagen genutzt und das Vorhaben „Elektroauto“ direkt in die Tat umgesetzt. Die Wohnung wird systematisch auf „wichtig“ und „unnötig“ durchforstet, mit dem Ergebnis, dass ganze Schrankbereiche im Bad jetzt gähnend leer sind und sich Kleidung zum Verschenken im Flur stapelt.

Dann ist da noch unser Lieblingsprojekt Loft-Ausbau. Während unserer Abwesenheit ist die Baugenehmigung gekommen und fleißige Heinzelmännchen (allen voran unser Freund Stefan Paul) haben gearbeitet, so dass wir 100 aufgeräumte Quadratmeter Wohnraum mit Holzfußboden vorfinden. So macht das Heimkommen Spaß!

Familienmitglieder verbinden mit unserer Rückkehr natürlich die Hoffnung, dass wir jetzt eine Weile bleiben mögen, aber wir können nicht versprechen, dass es uns hier hält. Denn: Reisen macht süchtig und auch wenn der nächste Trip vielleicht nicht wieder tausende von Kilometern weit weg führt und ein Jahr dauert, so haben wir doch schon wieder neue Pläne im Kopf.

Und so ist dieser Reisebericht eine Zäsur, aber noch lange nicht das Ende der Autowanderer-Touren.

Bleibt in diesen Zeiten gesund und fröhlich!

Eure Autowanderer

Heike, Peter und Bruno

P.S.:
Noch Lust auf weitere Bilder zu diesem Teil der Tour? Zur Galerie geht´s hier.
Und wer es lieber bewegt mag: Hier findet ihr das Video zu unserem „Inselfieber“.

 

Willkommen zu Hause – wir werden von Freunden herzlich in Empfang genommen.

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