Kommt alles anders

Mazedonien

Ein winziger Grenzübergang in der Nähe des albanischen Ortes Peshkopie. Freundliche Beamte und mehrere Pfauen, die Nationaltiere der Mazedonier, begrüßen uns herzlich. Der Pfau begegnet uns später, auf dem 10 Denar-Schein, wieder. Die schönste Währung die ich bisher gesehen habe. (Außer natürlich dem Land Rover Geld in Malawi!)

Peter packt zum ersten Mal auf der Autowanderer-Tour die Angel aus und versucht am Fluss Drim sein Glück. Ich säubere derweil unser Camp von allerhand Unrat und tue es damit dem einheimischen Angler gleich. Der hat schon vier Tüten mit Plastik gefüllt, das seine Landsleute hier nach erfolgreichem Gelage zurückgelassen haben. Zwei große Müllsäcke später ist unser Idyll hergestellt. Ich habe es mir auf meinem Campingstuhl im Grünen gerade gemütlich gemacht, da kommt mein Angler mit breitem Grinsen im Gesicht schon wieder zurück. In der Hand hält er einen Stock, auf dessen oberem Ende eine dicke, große Lachsforelle baumelt. Abendessen!

Die erste Forelle der Autowanderer-Tour

Der Grund für unseren Abstecher nach Mazedonien ist der Orid-See, der angeblich älteste Süßwassersee der Erde. Er misst an den tiefsten Stellen mehrere hundert Meter. Wer sich vom Bodensee 1/3 wegdenkt, kann sich die Ausmaße des Oridsees vorstellen. Jetzt muss man sich nur noch den Schiffsverkehr wegdenken, denn auf dem Oridsee herrscht absolute Ruhe, zumindest am Westufer.

Auf YouTube könnt Ihr Euch einen kleinen Live-Mitschnitt unseres „Süßwasserstrandlebens“ ansehen.

Wir haben uns für die nächsten Tage zum Entspannen den kleinen Fischerort Radozda ausgeguckt. Hier machen wir einen Zufallsfund: Eine riesige, ehemals gut geführte Campinganlage aus der sozialistischen Epoche, mit Holzhüttchen oder Campingwagen. Für das leibliche Wohl sorgte ein großes Restaurant und die Rezeption mit gelben Stoffsesseln konnte sich auch sehen lassen. Dann kam der Jugoslawienkrieg und die Anlage wurde fluchtartig über Nacht verlassen. Heute kann man hier „Ruinen-Camping“ machen, denn es ist praktisch alles noch da, nur eben kaputt. Selbst die weiße Leinenwäsche liegt noch sortiert in den Schränken.

Ruinen-Camping am Orid-See

Opfer des Jugoslawienkrieges. Diese einst wunderschöne Campinganlage wurde über Nacht verlassen.

Unser Platz an der Sonne.

Wir parken direkt am Ufer, neben zwei Fahrzeugen von französischen Langzeitreisenden. Die einen haben vier Jahre Weltreise hinter sich und werden auf dem Weg nach Frankreich immer langsamer, weil sie nicht so recht wissen, was sie da eigentlich sollen. Die anderen bewegen sich extrem langsam von Frankreich weg, weil sie nicht so genau wissen, wo sie eigentlich hin wollen.

Wir wollen genau hier sein und das so lange, bis das Seewasser alle Sorgen um Baugenehmigungen und verlorene Dokumente endgültig fortgespült hat.

Allein, der Landy hat andere Pläne. Er steht in einer Pfütze aus Diesel und ein kurzer Austausch mit dem lieben Pat daheim bestätigt Peters Vermutung: Inkontinente Dieselpumpe. Schöner Mist! Jetzt müssen wir eine Werkstatt suchen. Der nächste größere Ort ist Struga. Wir fahren langsam durch die Randgebiete wo sich normalerweise die Autowerkstätten befinden. An einem Hof der eher aussieht wie ein Schrottplatz, in dem sich aber viele Mechaniker tummeln, halten wir an. Eigentlich wollen wir hier nur fragen, wo man uns weiterhelfen kann. Aber sie behalten uns gleich da. Der Besitzer, ein Albaner, hat in Minuten einen Plan ausgeheckt. „Wir bauen die Pumpe aus, bringen sie zum Boschist (so nennen sie hier die Dieselpumpenspezialisten), und bauen sie nach der Reparatur wieder ein. Dauert zwei Tage.“ Da wir keine Wahl haben schlagen wir ein. Aus einem Außenbezirk der Werkstatt der normalerweise von den Schweißarbeitern genutzt wird, rollen diese nun ein herumstehendes Boot. So können wir den Landy bei über 40 Grad wenigstens im Schatten abstellen.

Gestrandet mit kaputter Dieselpumpe ist diese Werkstatt in Struga. Unser zu Hause für eine Nacht.

An Ersatzteilen mangelt es hier jedenfalls nicht.

Der albanische Werkstattchef legt selbst Hand an.

Endreinigung

Peter bekommt schon beim Ausbau der Pumpe die Motten, denn es läuft nicht so wie es im Lehrbuch steht, wie er es erwartet hätte oder gar einfach gewesen wäre. (Pat nur für dich: Stichwort Halteplatte. Hat nicht geklappt…). Eine Dieselpumpe, so weiß ich jetzt, ist die Diva des Motors. Ihre Einstellungen müssen genau stimmen, sonst zickt sie. Unsere Diva ist am Ende des ersten Tages in den Händen eines Boschisten den wir nicht einmal kennen. Das macht Peter nervös. Die Nacht ist entsprechend unruhig. Wir stellen hier angenagelt aber fest, dass die Albaner und Mazedonier ein fleißiges Volk sind. Der letzte Mechaniker macht erst um 23 Uhr das Licht aus. Am Mittag des folgenden Tages kommt, wie verabredet, der Boschist mit der Pumpe plus Einzelteilen auf einem Karton in den Hof gefahren. Peter unternimmt immer wieder den Versuch über die richtigen Einstellungen zu diskutieren, mit Händen und Füßen, mit Google Translate und mit herumdeuten im Handbuch. Der Albaner sagt darauf jedes Mal „no problem!“ und macht einfach weiter. Der spannende Moment ist erreicht, Peter lässt den Motor an. Der Albaner hockt sich vor den Auspuff und schaut sich die Gase an. Spätestens jetzt hat er mich überzeugt. Einer der wie ein Indianer im Rauch liest muss etwas von seinem Handwerk verstehen. Es werden noch ein paar Einstellungen verändert, dann sind alle – auch Peter – zufrieden. Jetzt gibt es Kaffee für alle und lockere Unterhaltung in gelöster Stimmung. Die Albaner sind sichtlich stolz auf sich. Wir sind froh, dass es so zügig geklappt hat und wir dieses Durcheinander an Autowracks und Ersatzteilen verlassen können. Schnell wieder zurück zu unserem Plätzchen am See und mit einem Bad den Werkstattmuff aus den Poren waschen!

Mittagspause – Der Oridsee von oben

Nach einer weiteren Woche wird es wirklich Zeit für den Aufbruch. Wir fahren am Ostufer des Orid entlang, um uns langsam zu verabschieden. Dieses Ufer ist den Pauschaltouristen überlassen und wird von „Hotel Beton“ und seinem Bruder „Hotel Granit“ dominiert, das an sozialistische Zeiten erinnert. Schnell weiter. Es geht den Berg hinauf durch den Nationalpark in Richtung Prespa-Seen. An einer Wasserquelle treffen wir einen Mazedonier, der gut Deutsch spricht und in der Laune ist über Politik zu diskutieren. „Wir warten nur darauf, dass uns die EU endlich rein lässt, dann wird alles besser.“ Ich gebe zu bedenken, dass dann vielleicht die jungen, gut ausgebildeten Leute alle das Land verlassen werden. „Na und? Ist doch toll! Ihr habt zu wenig Kinder und wir zu wenig Geld, so passt es dann für alle!“ Interessante Sichtweise.

Die Prespa-Seen sind deutlich kleiner als der Oridsee, aber auch abgelegener und noch ruhiger. Die Landschaft ist sehenswert, mit Schilfgürteln und hoch aufragenden weißen Felswänden direkt im Uferbereich. Auf dem See tummeln sich einige Pelikane. Die Regierung hatte hier wohl großes vor, denn an einer Seite wird der große Prespa-See von einer Promenade dominiert, die ihresgleichen sucht. Ein massives Straßenbauwerk, das allerdings nur so lang ist wie der Strand und für Fahrzeuge viel zu schmal. Alle 100 Meter eine Sitzbank. Das ganze mit üppiger Beleuchtung. Am Strand finden sich interessant konstruierte Bars und Restaurantgebäude, die allerdings nicht in Betrieb sind und eine Plattform über dem Wasser die aus der Entfernung edel aussieht, bei der wir aber bei näherer Inspektion aufpassen müssen, um auf der Holzkonstruktion zu Fuß nicht durchzubrechen. Höchst seltsam!

Wir erreichen den großen Prespa-See über diese Hügelkette.

Flaniermeile am Prespa-See. Wir haben nicht herausgefunden welche Spur hier für wen ist. Für Autos sind beide zu schmal.

Die Bar über dem Prespa-See – Einsturzgefahr!

In Mazedonien prallen Historie und Moderne (zumindest so wie sie hier definiert wird) immer wieder aufeinander. Peter dem Restaurator bricht es das Herz, wie alte Hotels –beispielsweise das Europa –vor sich hin verrotten. Relikte aus einer anderen Zeit, auch wenn die Geschichte in diesem Fall erst 25 Jahre alt ist.

Die prächtige Einfahrt zum Hotel Europa

Das einst prächtige Hotel Europa. Ein riesiges Anwesen, das heute geisterhaft als Ruine daliegt.

Wir fragen uns, wie die jungen Demokratien, die aus Jugoslawien hervorgegangen sind, die zahlreichen Herausforderungen meistern. Arbeitslosigkeit, fehlende Straßenverbindungen und Abfallentsorgung sind Probleme, die uns als Durchreisende ins Auge springen. Wir wünschen den Mazedoniern, dass sie einen guten Weg gehen, ob nun mit oder ohne Hilfe der EU.

Griechenland

Dass wir wieder zurück in der EU sind merken wir nicht nur an dem monströsen Grenzgebäude und der EU-Fahne, sondern auch an der Gleichgültigkeit mit der wir hier abgefertigt werden. Aber wieso überhaupt Griechenland? Diese Frage stellen sich vielleicht einige, die mit unserer ursprünglichen Reiseroute vertraut sind. Wir haben die Planung für den Hin- und Rückweg getauscht. Will heißen, auf dem Hinweg fahren wir über die Türkei und auf dem Rückweg ab Georgien mit dem Schiff über das schwarze Meer nach Bulgarien. Jetzt also Griechenland. So viel ist sicher: Wir werden auf der Autowanderer-Tour 2019 diesem Land nicht gerecht. Die tausend Inseln, so beschließen wir, müssen warten. Und die historischen Sehenswürdigkeiten im Norden wurden uns durch Schilderungen anderer Reisender verleidet. Die Nation die das Diskuswerfen erfunden hat, verlegt sich inzwischen auf das Einwerfen von Autoscheiben. Da wir an weiteren Einbrüchen kein Interesse haben, wählen wir die kürzeste Strecke am Meer entlang bis zur türkischen Grenze. Die Autobahnen hier sind gespenstisch leer, die Griechen können sich die Gebühren möglicherweise nicht leisten. Ist aber auch gut so, denn da wo Griechen Auto fahren muss man auf der Hut sein. Herzig sind dagegen die mit viel Liebe eingesäten Blumen, selbst auf dem Mittelstreifen der Autobahn.

Eine Herausforderung, die in Griechenland beginnt und uns bis heute begleitet, sind Straßenhunde. Sie streunen alleine oder in Gruppen, schließen sich Wanderern oder Strandspaziergängern an, immer in der Hoffnung auf einen Happen, der für sie abfällt. Manche haben erfolgreiche Strategien entwickelt, sind gut genährt. Andere sind bedauernswert mager. Für uns als Reisende mit einem eigenen Hund sind diese Zusammentreffen besonders schwierig. Einerseits würden wir gerne helfen, andererseits sind diese Begegnungen für unseren Hund nicht ohne Risiko, denn die Straßengang ist nicht zimperlich im Umgang und selbst wenn das Zusammentreffen freundlich ist, besteht immer noch Ansteckungsgefahr. Das muss Bruno später am eigenen Leib erfahren.

Griechisches Campingplatzidyll

Sonnenuntergang am griechischen Meer

Wir übernachten nur wenige Male, hauptsächlich auf Campingplätzen und nutzen die Infrastruktur für Haushaltstätigkeiten und Internet-Zugang. Am letzten Abend bekommen wir dann doch noch ein bisschen griechisches Flair mit. Im Restaurant neben unserem Camp spielt eine Live-Band, ohne Pause. Zunächst frenetisch von den Gästen gefeiert, ebbt die Musik bis weit nach Mitternacht nicht ab und dient am Ende nur noch dem eigenen Vergnügen der Musiker. Hier eine kleine Hörprobe:

Türkei

Wir reisen über den winzigen Grenzübergang bei Edirne in die Türkei ein. Und wenn ich sage winzig, dann meine ich das wörtlich. Der Grenzposten ist so niedrig, dass wir sehr langsam fahren müssen, um das Dach mit unserem Alkoven nicht einzureißen. Hier sehen sie offenbar nicht viele Touristen und schon gar nicht mit Hund. Dass der einen eigenen Pass hat, nehmen die Beamten belustigt zur Kenntnis. Bruno an sich wollen sie aber gar nicht so genau kennen lernen. Auf die Aufforderung ins Fahrzeug zu schauen öffnen wir brav die Tür, Bruno streckt seinen Kopf zur Begrüßung heraus und der Zöllner hat bereits genug gesehen. Wir können die Tür wieder zu machen. Binnen Minuten sind wir so in die Türkei eingereist und betreten eine völlig andere Welt. Edirne war einmal die Hauptstadt des osmanischen Reichs. Noch heute weist es eine große Zahl stattlicher Moscheen und Wohnhäuser wie Prunkbauten aus alten Zeiten auf, im besten Zustand. Wie zur Begrüßung ertönt der Ruf des Muezzins. Aber nach Großstadt ist uns nicht zumute. Wir wollen noch 170 Kilometer weiter bis ans Marmarameer. Und das stellt uns vor eine Herausforderung. Ich hatte im Reiseführer gelesen, dass auf türkischen Autobahnen Mautpflicht besteht, dass man dafür aber eine Vignette braucht, da an den Mautstellen niemand ist und man auch nicht mit Geld bezahlen kann. Wir versuchen an einer Tankstelle herauszufinden, wo wir die Vignette bekommen können. Wenn ich den Mitarbeiter richtig verstehe gibt es eine Art Kiosk an der Autobahn, zwei Kilometer von hier. Nachdem wir zwei Kilometer auf der Autobahn gefahren sind kommt die erste Mautstelle. Schei….! Drei elektronische Schranken und überall Kameras. Was jetzt? Peter fährt erst einmal auf den Randstreifen. Ich erspähe zwei Männer hinter der Mautstelle an einer Waage für LKW und renne auf dem Randstreifen auf sie zu. Sie verstehen mein Problem und deuten auf ein weißes Gebäude auf der anderen Seite der Autobahn. Ja super, ich überquere jetzt einmal schnell eine sechsspurige Autobahn, überwinde den Stacheldrahtzaun der die beiden Fahrtrichtungen voneinander trennt und spreche dann freundlich mein Begehr vor, oder was? Ja genau so! Die ersten drei Fahrspuren nehme ich direkt an der Mautstelle. Dann laufe ich wie ein Tiger im Käfig an der Absperrung entlang. Als ich ein Polizeiauto mit Blaulicht auf mich zufahren sehe denke ich, „na großartig, kaum eingereist, schon eingesperrt!“ Aber es kommt anders. Der Polizeiwagen biegt auf die gegenüberliegende Fahrbahn ab und weist mir damit das Schlupfloch, durch das ich hindurch muss. Jetzt nur noch über drei Fahrspuren spurten und schon bin ich bei dem Gebäude, das die Lösung für unser Problem darstellt. Kurz darauf sind wir glückliche Besitzer einer Vignette, die uns durch die ganze Türkei bringen wird.

Im Camp am Marmarameer ist Partystimmung. Die Menschen aus Istanbul nutzen ein langes Feiertagswochenende, um aus der Stadt herauszukommen. So stelle ich mir Woodstock vor: Wohnwagen, Zelte und kleine Holzhäuser stehen munter durcheinander, überall Teppiche, Shishas, bergeweise Essen, Leuchtgirlanden. Wer es besonders gut meint hat einen Springbrunnen installiert und Couchgarnituren mitgebracht. Mancherorts läuft der Fernseher. Hier ist eine kleine Stadt entstanden und alle sind gut drauf. Der Camp-Betreiber ist zwar nicht begeistert von der Idee uns in dieses Durcheinander zu integrieren, aber da es schon dunkel ist, quetscht er uns zwischen ein paar Zelte von Anästhesisten, die zum ersten Mal campieren. Peter wird sogleich reich mit Olivenöl beschenkt. Ab 22 Uhr ist Live-Musik. Wir mischen uns unter das Volk, essen lecker Köfte und sind zufrieden mit unserer Entscheidung, durch die Türkei zu reisen.

Istanbul muss großartig sein, so sagen alle die bereits da waren, aber wir entscheiden, dass wir das nicht mit dem eigenen Auto wagen. Auf dieses Verkehrschaos haben wir keine Lust. Also lassen wir die Stadt rechts liegen. An der Brücke über den Bosporus ist für über eine Stunde Stau. Zeit, um mit Türken in benachbarten PKWs ins Gespräch zu kommen, die auf Heimaturlaub sind. Wir begegnen an diesem Tag sehr vielen deutschen Autokennzeichen.

Plötzlich Radarfalle! Nein, das ist gar kein Polizeiauto. Hier werden tatsächlich Attrappen aufgestellt, teilweise sogar mit Blaulicht, um die Autofahrer zu gemäßigtem Fahren anzuhalten.

Polizeiauto oder Attrappe?

In der Türkei wird gebaut: Autobahnen, Satellitenstädte, Universitäten und neue Häfen. Alles sauber geplant und in kurzer Zeit durchgezogen. Die Universitäten zum Beispiel sind Orte der Repräsentation mit riesigen Moscheen. Ein Statement ästhetischer Ensembles, von Architekten geplant, die Monumentalarchitektur beherrschen. Wir fragen uns, wer das alles finanziert. Und wir stellen Parallelen her zu Zeiten, in denen in Deutschland die Fassade eines Aufschwungs künstlich erzeugt wurde. Aber wir haben zu wenig Einblick, um uns wirklich ein Urteil zu erlauben.

Was wir beurteilen können ist die Schwarzmeerküste. Die Türken nennen das Gewässer Karadeniz und verbringen hier gerne ihren Sommerurlaub. Touristen anderer Nationen treffen wir so gut wie keine. Es gibt eine Straße die dem Küstenverlauf folgt. Manchmal ist sie zur Schnellstraße ausgebaut, meist jedoch schwingt sie sich an der Steilküste entlang. Die langsame Fahrtgeschwindigkeit gibt uns dann genug Zeit uns umzuschauen.

Die Türkei – Moscheen und Hochbauten

Fischgericht am schwarzen Meer – Wir lassen es uns gut gehen ;o)

Sonnenuntergang an der Karadeniz

Auf den Höhen können wir den steilen, schroffen, wie angenagt aussehenden Küstenverlauf auf Kilometer im Voraus sehen. Dann wieder führt uns die Piste direkt ans Wasser, das hier mal Sandstrand mal Kieselstrand ist. Es gibt viele malerisch türkisblau daliegende ruhige Buchten, wo heute noch Holzboote gefertigt werden wie eh und je.

Kleine Buchten zeichnen die Schwarzmeerküste aus.

In den kleineren Häfen machen wir gerne Rast, denn dort gibt es Fischer, die ihren Fang frisch für Gäste zubereiten. Wir sitzen dann „in der guten Stube“ und können beim Kochen zusehen. Peter wirft verstohlene Blicke auf die Angelausrüstung.

Wir haben diese Szene in einem kleinen Video festgehalten, das Ihr Euch auf YouTube anschauen könnt.

Je weiter wir uns von Istanbul entfernen, umso mehr verändert sich das Straßenbild. Die Frauen tragen Kopftuch, manche gehen vollverschleiert. In den Cafés sitzen nur Männer. Der Muezzin ruft fünfmal am Tag zum Gebet und die Gläubigen kommen.

Was uns irritiert sind die allseits präsenten Videokameras. Die Türkei scheint flächendeckend überwacht. Wir fallen sowieso überall auf und werden bei fast jedem Halt angesprochen. Es findet sich immer jemand, der einmal in Deutschland gearbeitet hat und sich freut, seine Deutschkenntnisse einzusetzen. Wir erleben die Türken auf diese Weise als sehr gastfreundlich und aufgeschlossen. Zum Kaffee oder Tee werden wir stets eingeladen.

Dann kommen wir nach Doganyurt, ein Ort der eigentlich nicht der Rede wert wäre, hätte ich Peter nicht genötigt, hier Geld abzuheben. Damit nimmt das Drama seinen Lauf, denn der Automat „frisst“ seine Kreditkarte. Da die Geschäftszeit schon vorüber ist, haben wir wenig Hoffnung auf Hilfe. Ich rufe die Servicehotline an, aber hier spricht man nur türkisch. Plötzlich sehen wir zwei Gestalten hinter der Glasscheibe. Wie irre klopfen wir von außen gegen die Tür, so dass wir nicht zu ignorieren sind. Ein Mitarbeiter öffnet uns sichtlich irritiert. Wir deuten mit Gesten an, was passiert ist. Er bespricht sich kurz mit seinem Kollegen, der daraufhin im Automaten verschwindet und kurz darauf grinsend mit Peters Karte in der Hand wieder auftaucht. Gegen Vorlage seines Personalausweises bekommen wir die Karte zurück. Glück gehabt! Ein Telefonat bei unserer Bank klärt uns später nämlich darüber auf, dass die Karten normalerweise eingezogen und vernichtet werden.

Auf diesen Schreck müssen wir uns erst einmal erholen und steuern in Sinop den Campingplatz an. Ich schließe hier alsbald Freundschaft mit Natalia, der Frau des Campingplatzbesitzers, und ihrer Freundin – beides Russinnen von der Krim. Sie kommen tatsächlich aus der Partnerstadt von Baden-Baden! Wir trinken „Kaffee“ (Bier aus Tassen, weil ihnen Alkoholgenuss von ihren Männern verboten wird) und essen Schokotorte. Sie kommen mir vor wie zwei Gestrandete, denn sie lieben ihre Heimat weit mehr als die Türkei und mit der Liebe zu ihren Männern – für die sie Russland verlassen haben – ist es offenbar nicht mehr weit her. Sie spielen mir pantomimisch vor, dass ihre Männer nur noch essen und schlafen. Tragikomisch.

Heike hat in Sinop Waschtag – Wir haben eine ganz schön lange Leine.

Derweil legt der Meister selbst Hand an. Bremsbeläge lassen sich auch prima auf dem Campingplatz tauschen.

Tragisch ist inzwischen auch der Zustand von Brunos Augen. Er hat seit zwei Wochen eine Bindehautentzündung die mit den Antibiotika die wir dabei haben einfach nicht besser wird. Deshalb suchen wir in Sinop den Tierarzt auf: Ein kleinerer Warteraum mit Tresen und ein größeres Behandlungszimmer. Ich habe aus dem Internet zuvor ein paar Begriffe auf Türkisch herausgesucht, damit ich das Problem erläutern kann. Das erweist sich allerdings als unnötig, denn ein Schulkind ist gerade mit ihrer kranken Katze da und wird gedrängt zu übersetzen. Sie bringt ihre Katze aus Brunos Reichweite und macht ihre Sache dann sehr gut. Der Arzt verordnet ein anderes Antibiotikum plus Cortison. Zufrieden über diesen Erfolg ziehen wir ab. Zwei Wochen später werden wir allerdings feststellen, dass auch das nicht hilft. Bis heute eine nicht enden wollende Geschichte.

Die Altstadt von Sinop ist sehenswert. Selbst das Militär hat gepflegte Gartenanlagen.

Zu Ende geht nach nur zwei Wochen allerdings unsere die Zeit in der Türkei. Als letzten Abstecher fahren wir kurz vor der georgischen Grenze ein Stück ins Hinterland, an einem breiteren Fluss entlang, der auf Türkisch „Stärke“ heißt. Hier ist mit Unterstützung der Regierung ein Rafting-Paradies entstanden. Beim Rafting-Zentrum Derebeyi können wir campieren. Die Stimmung an diesem Ort ist vielleicht mit friedvoll am treffendsten beschrieben. Der Fluss hat ein Tal zwischen sanften Hügeln geschaffen, das offenbar perfekte Bedingungen für den Teeanbau liefert. Teepflanzen wohin das Auge auch blickt.

Schon nahe der Grenze zu Georgien verbringen wir eine Nacht in den Teefeldern der Türkei.

Ich komme mir am Morgen fast ein bisschen vor wie in Asien. Beim Spaziergang können Bruno und ich aufatmen. Endlich keine anderen Hunde mehr, dafür friedlich und fast geräuschlos arbeitende Teepflücker. Diese verschwinden bis zu den Schultern in Teesträuchern, welche in Reihen gepflanzt sind. Lediglich ihre Köpfe mit spitzen Hüten und breiten Krempen schauen hervor. Konzentriert und langsam bewegen sie sich vorwärts. Geerntet wird mit der Schere, in Säcke hinein, die wenn sie voll sind auf Transporter verladen werden, bis von dem Auto fast nichts mehr zu sehen ist. Ich kann das romantisch verklären, aber ich bin sicher, dass es für die Bewohner dieser Gegend harte Arbeit ist. Ich kann nur hoffen, dass sie für ihre Mühen angemessen entlohnt werden, denn in der Türkei trinkt ja nun jeder und zu allen Gelegenheiten Chai. Ich hätte besser mal einen Chai zum Frühstück getrunken, denn der Grenzübergang bei Batumi nach Georgien ist anstrengend. Aber davon erzählen wir euch im nächsten Post.

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